(Vor)Urteile
(Vor)Urteile
Persönlicher Blogeintrag von MK

Ich liebe von Jesus reden. Es gibt ja eine Menge Vorurteile über Jesus. Seine Hautfarbe z.B. – man muss ja nur mal die Evangelien lesen um zu checken, dass Jesus nicht weiß war: Der Typ hat sich in einem langen Gewand auspeitschen und mit fetten Nägeln Kreuzigen lassen in so einer Art Nietenstirnband, hat dann 3 Tage in einer dunkeln Gruft verbracht und kommt danach raus als wär nix – wie Gothic ist das bitte?

Oder was Jesus so gesagt hat. Was er z.B. nicht gesagt hat ist: „Jesus liebt dich, so wie du bist!“– Nein! Mal im Ernst, dann wär die ganze Nummer mit dem Kreuz recht sinnlos gewesen. Das ist dieselbe Sparte wie „Alle haben gewonnen!“ – „jedes Kind ist ein Gewinner!“ Nein, manche Kinder sind loser. Das ist nicht schön. Da braucht man gar nicht drum rumreden. Aber dann noch zu behaupten, ein vor 2000 Jahren (nicht) gestorbener Jude fände es gut, dass DEIN Kind ein loser ist, ist ziemlich fies. Jesus hat eher das Programm gefahren: lieber loser als gottloser! Und gekreuzigt hat man ihn sicher nicht weil er meinte: „Ich hab euch alle lieb!“

Was Jesus zum Beispiel gesagt hat ist: „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Der Satz hat heute ein wenig an Dramatik verloren …Schwerter sind ja heute eher die Phantasie sechzehnjähriger Pickelgesichter die mal eine Folge Game of Thrones geguckt haben. In der Eisenzeit nimmt man Dir mit nem Schwert deine Rinder, dein Getreide, deine Söhne, deine Töchter – wenn Du Glück hast.  Daher die biblische Friedensphantasie, dass alle ihre Schwerter zu Pflugscharren schmieden…. Den Kerngedanken versteh ich… aber solltest du mal bei mir klingeln und mit ner Pflugscharre in der Hand vor der Tür stehen, werde ich trotzdem zumachen.

Heute müssten wir entsprechend andere Dinge zu Pflugscharren machen, also die für Arme Leute ungefähr so tödlich wie damals ein Schwert. Investmentbanker zu Pflugscharren. Dann könnte man deren Glatzen unangespitzt jeden Hektar der Sahelzone umpflügen lassen und sie hätten mit ihrem Kopf mehr für die Welt getan als in ihrem ganzen Leben zuvor – und das sage ich der ich meine Nachmittage im Elfenbeinturm verbringe. Sowas fieses habe ich in Wittenberg vermisst.

Kirche doof finden ist einfach, Jesus gut finden ist richtig schwierig. Da versucht man sich so eine schöne heile Welt zusammenzubasteln: Lebt vegan, kauft regional, spendet Geld für den guten Zweck und die Hälfte der eigenen Organe noch dazu, vermeidet Mikroplastik, verbringt seine Freizeit mit Aktivismus für irgendwas Gutes oder andersrum, kämpft für den Erhalt „traditioneller Werte“, was auch immer da sei. In jedem Fall strengt man sich sein Leben lang an heiliger zu sein als der andere, selbst wenn man nicht an Heiligkeit glaubt – und fällt genau auf das rein, vor dem Jesus gewarnt hat. Da kann man als Protestant echt super fies sein. Auch das habe ich in Wittenberg vermisst.

Der Kirche widersprechen ist einfach, Jesus zu widersprechen richtig schwierig. Der Mann hat ja ne Menge über das Ende der Welt geredet. „Ziemlich abgefahren“ dachte man sich bis zur amerikanischen Präsidentenwahl 2017. Seitdem scheint das Ende der Geschichte doch zumindest wieder eine Alternative zu sein.

Das fände ich schön, wenn wir da mal wieder drüber reden. Ende der Welt. Gericht. Jüngstes Gericht. Dann könnte man auch wieder sinnvoll über Taufe reden. Und über Sünde. Dann müsste man die Leute auch nicht mit einem buddy-Jesus abspeisen. Und wer jetzt meint, das wäre nicht anschlussfähig und das verstünde heute keiner mehr: Haltet ihr die Leute für zu blöd, oder euch selbst für zu blöd? Vielleicht ärgern sich die Leute. Das fände ich schön. Wer sich ärgert, ist investiert. Wenn die größten Errungenschaften 2017 bisher aber ein Gesangbuch in vermeintlich gerechter Sprache und die Wiederaufwärmung von Margot Käßmanns Afghanistan-statement sind, sollten wir uns nicht wundern, dass es so viel Vorurteile über Jesus gibt.

In diesem Sinne hoffe ich, dass wir mal wieder mehr von Jesus reden.