„Stille, ich mag dich!“
„Stille, ich mag dich!“
Persönlicher Blogeintrag von Julia

„Stille, ich mag dich!“ Dies ist eine Überschrift, die ich vor ein paar Wochen las. Sofort gingen Fragen in meinem Kopf hin und her: Oh, mag ich dich wirklich? Bist du etwas, das ich liebe? Auf das ich nicht verzichten möchte in meinem Leben? Mein erster Gedanke lautet: Nein, sorry liebe Stille, aber dich kann ich nicht so gut gebrauchen. Ich kann nicht behaupten, dass ich dich mag, eher im Gegenteil: Ich mag es nicht, wenn es still ist; ich mag es nicht, wenn es außen herum ruhig wird, ich mag es nicht, wenn ich in einem Raum bin und Stille diesen bestimmt. Äußere Stille bedeutet für mich innerer Lärm. Fragen kommen, die unbedingt beantwortet werden wollen; Fragen, die es innerlich richtig laut machen. Und diesen inneren Lärm auszuhalten, ist dann so viel schwieriger, als eben nur die äußere Stille auszuhalten.

Aber irgendwie ließ mich dieser Satz nicht los. Weil ich es lernen sollte, Stille auszuhalten? Weil auch ich lernen soll, zu sagen: Stille, ich mag dich! Steckt in ihr doch viel mehr drin, als ich immer zu glauben dachte? Ja, was glaube ich eigentlich, was in dieser Stille passiert? Glaube ich, dass ich in dieser Stille Gott begegne oder erwarte ich es und habe Angst davor, dass es nicht so sein wird. Was verbirgt sich hinter dieser harmlosen Überschrift, die mir einfach so am Schreibtisch über den Weg läuft und ein ganzes Gedankenkonstrukt hervorruft.

Ist das typisch „theologisch“? Denn das passiert mir seit Beginn meines Studiums sehr häufig. Ich lese Überschriften und frage mich, was verbirgt sich nur dahinter? Was denke ich zu dieser Überschrift; habe ich bereits eine Position zu dem Thema? Was würde ich zu diesem Thema schreiben, was sage ich zu diesem und jenem? Diese Haltung hat sich mit meinem Studium grundsätzlich verändert. Habe ich früher Dinge einfach hingenommen, bin ich nun aufmerksamer und differenzierter. Aber ich muss dabei immer wieder erfahren: Ich zwar nicht alles durchdenken, ich kann nicht auf alles eine Antwort haben. Und das ist nicht immer leicht, aber es gilt es auszuhalten. Denn es ist so verrückt, wie groß die Theologie ist. Ein kleines bisschen habe ich vielleicht schon erkannt, wie Dinge zusammen gehören, da hat mich das Studium weiter gebracht, bringt mich immer noch weiter und fordert mich zugleich immer wieder neu heraus. Aber bei den meisten Dingen muss ich sagen: Darüber habe ich noch nicht nachdenken können.

Besonders spannend finde ich es, wenn ich im universitären Kontext mich mit der Bibel beschäftige. Da sitze ich morgens in einer Vorlesung zu den Psalmen und soll diese wissenschaftlich betrachten. Und in einem ganz anderen Kontext, sollen sie mich in die Stille führen, in die Stille, die ich glaube nicht auszuhalten. Das ist spannend, diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden. Auch wenn es sicherlich nicht immer gleich gut gelingt.
Und da sitze ich nun mit meinen Fragen, die die Stille betreffen und mit meinen Fragen, die sich aus dem Studium heraus ergeben und es kaum zulassen, dass ich still werde vor Gott; mit den gleichen biblischen Texten, denen ich mich wissenschaftlich annähern soll und den biblischen Texten, die zur Stärkung meines Glaubens da sind. Ist dies aushaltbar, kann ich dies überhaupt zusammen denken? Ich erlebe es. Und ich merke, dass ich es doch irgendwie aushalte. Ich möchte nicht in den Extremen denken, sondern sehen wie ich von beiden „Zugängen“ profitiere, wie ich durch beide Herangehensweisen gewinne auf wissenschaftlicher und persönlicher Ebene. Und vielleicht braucht es gerade dazu ein Stillwerden: Um wirklich zu merken, welche Fragen dran sind und um wirklich zu checken: Ich konzentriere mich auf Gott. So kann ich erleben, was es heißt mit ihm zu leben.