Luther – da war ja was
Luther – da war ja was
Persönlicher Blogeintrag von MK

Martin Luther hieß gar nicht immer so. Luther ist eine deutsche Verballhornung von griechisch eleutheros, „der Befreite“. Eigentlich hieß Bruder Martin „Luder“ mit Nachnamen, das ist der kirchenhistorischen Forschung inzwischen bekannt – aber vermarktet als Kirche mal ein „Playmobil-Luder“.
Derzeit redet man ja aus zwei Gründen über Luther: Entweder, weil man ihn furchtbar findet oder weil man ihn großartig findet. Oder, weil man die furchtbar findet, die ihn großartig finden. Oder die großartig, die ihn furchtbar finden. „Ein Mann seiner Zeit“ – was auch immer das heißen soll. Oder vielleicht ein ganz okayer Typ, den man aber sicher nicht auf den Marktplatz stellen sollte. Ein Judenhetzer und Bauernhasser hier, ein Freigeist und Gesellschaftskritiker da. Vermutlich scheiden sich daran die meisten Geister. Naja und theologisch hat er irgendwas mit Ablasskritik zu tun. Oder so. Und war da nicht irgendwas mit Gott los?

Neulich steh ich in Hannover am Gleis und will nach Hause. Da spricht mich ein junges Mädchen an, abgerissene Klamotten, Teint „Naher Osten“, gutes Englisch mit Akzent „Naher Osten“, und fragt nach ein wenig Geld. Sofort springen Mechanismen an, die man in der deutschen Großstadtkultur gelernt hat: abwimmeln, abwimmeln, abwimmeln!!! Mein Zug kommt, ich habe nichts, ich möchte nichts geben, nein danke. Blöd nur, wenn das auf einmal nicht klappt. An Menschen, die an den Rändern der Fußgängerzonen sitzen, kann man sich vorbeimogeln, den Blick oben lassen. Wer einem nur ein Schild hinhält, den kann man ignorieren, meistens zieht der resignierte Blick dann eh weiter.
Nun blickt dieses Mädchen gar nicht resigniert. Sie plappert auch keinen Schwall von Erklärungen, warum sie das Geld braucht, sondern die beiden Augen leuchten erregt. Und dann sagt sie in bittendem Ton „please, just 50 Cents.“ Und dann höre ich mich, seh‘ ich mich, wie ich weiter „nein“ sage. Da werden die Augen zornig, rufen „fine!“ und stapfen davon – aber nicht um den nächsten zu fragen, sondern zu einem noch kleineren Kind, vielleicht acht, nehmen es bei der Hand und verschwinden.
Das Ganze ist deshalb so bizarr, weil ich dem Mädchen doch eigentlich gern geholfen hätte. Hab ich aber nicht. Es ist deshalb so bizarr, weil wir uns an unsere eigene Herzlosigkeit scheinbar so gewöhnt haben, dass uns rechtschaffener Zorn wie ein Faustschlag trifft. In einem Fantasyrollenspiel wäre das „holy resistance -2“ oder so.
Sie ist wütend, weil sie sehen kann, dass ich nicht so irre viel älter als sie bin. Weil sie sehen kann, dass ich mehr als genug habe, von dem ich ihr etwas abgeben könnte. Weil sie vertrauensvoll gefragt hat und ich allein die Aufrichtigkeit der Frage hätte belohnen sollen. Also, das glaube ich wenigstens….zumindest hätte sie alle Gründe deswegen zornig zu sein. Vielleicht ist sie über die Ungerechtigkeit der Situation überhaupt zornig. Es scheint mir jedenfalls, dass wir den Ärmsten unserer Gesellschaft den Zorn verboten haben, weil uns ihr Elend bedrückt. Nun kommen neue Ärmste aus aller Welt und wir versuchen sie abzuwimmeln, weil uns ihr Elend bedrückt und wir genau wissen, dass ihr Zorn rechtschaffen ist.
Natürlich hab ich im Zug zurück das Erklären angefangen. Warst halt schlecht drauf, bist gerade letzter auf deinem Turnier geworden, bist selber nicht reich und überhaupt: Du kannst ja nicht jedem helfen. Stimmt. Aber ihr schon. Reich bin ich nicht, aber bestimmt hundertmal reicher als sie. „Jemand anders wird ihr schon helfen“ – „Sie hat aber mich gefragt.“

Wenn wir denn wollen, dann fällt uns über Gott zu reden überraschend leicht. Irgendwie haben wir es geschafft, die Diskussion um Gott von ihrer Bedeutung abzukoppeln. Wir sind Gott praktisch los, selbst wenn wir rumphilosophieren, was das denn sein soll. Über Sünde reden fällt schwerer. Das geht uns irgendwie an – auch wenn Sünde ja heute eher in Wortfeldern wie „Schokosahnetorte“ oder „Waffeln mit Vanilleeis“ verortet wird.
Ich brauche die Sünde nicht, ich kann auch so ein schlechter Mensch sein. Sünde klingt nach Spaßverbot. Nach Kirchenzucht. Katholisch. Dabei war die Sünde und was sie mit dem Menschen macht das, was Martin Luder umgetrieben und schließlich zu Martin Luther gemacht hat. Irgendwie gilt evangelisch sein als „nicht ganz so schlimm“ wie katholisch sein. Aber der Knackpunkt für Luther war nicht, dass die Kirche von Sünde geredet hat, sondern dass sie die Sünde bagatellisiert hat. Wovon man sich einfach freikaufen kann, kann so schlimm nicht sein. Außerdem ist es wohl prinzipiell vermeidbar.
Seit der Aufklärung geht es uns nicht aus dem Kopf, dass Sünde irgendwas mit Moral zu tun hat. Wer amoralisch handelt, der sündigt. Oder so. Aber dann gilt wieder: Eigentlich kann ich auch ohne die Sünde ein schlechter Mensch sein. Und wenn ich mich anstrenge, kann ich bestimmt auch irgendwie ein guter Mensch sein. 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag holt uns unsere Lebenslüge ein, wir könnten uns in Europa irgendwie eine heile Welt aufbauen und das Elend der Anderen ausklammern. „Wir können doch nicht alle retten!“ – Stimmt. Aber die, die zu uns kommen wollen schon. „Wir sind nicht das Weltsozialamt!!11elf“ – Vielleicht. Aber das Sozialamt für die, die zu uns kommen verdammt nochmal schon.
Sünde ist nicht, was wir falsch machen, sondern erblüht in der Tatsache, dass wir nichts richtig machen können. Sünde offenbart sich in unserer Verstrickung in das Elend der Welt gegen unseren Willen. Sünde wird greifbar in dem Moment, da wir, obwohl wir das Beste wollen, das Schlechte tun. Sie ist wie Gift in meinen Gedanken und in der Stimme, die dem Mädchen, das mich verzweifelt fragt, die Hilfe gehässig versagt, obwohl alles in mir schreit.
Man kann meinen, es handle sich hierbei um Schuldkomplexe und Neurosen. Man kann die Sünde als Schuldwaffe der Religion betrachten, um die Menschen zu ängstigen. Das kann man. Man kann nach „allgemeinen Werten“ oder „Werten der Aufklärung und des Abendlandes“ schreien. Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass wir uns mit der Annahme, wir kämen schon irgendwie mit unserer Moral oder unseren Werten weiter, hoffnungslos an der Wirklichkeit der Welt übernehmen. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass alles, was einen Wert hat, sich selbst verkaufen kann.
Ich glaube an die Sünde. Nicht weil ich sonst kein schlechter Mensch sein könnte, sondern damit ich überhaupt Mensch sein darf. Das war der Knackpunkt in Luthers Sündenverständnis. Ich glaube an die Sünde. Nicht, weil ich Misanthrop bin, sondern weil ich meine, dass uns die Sünde einmal mehr radikal eingeholt hat, dass uns unser Menschsein einmal mehr eingeholt hat. Und ich hoffe, dass wir alle zusammen wieder mehr über unser Menschsein reden. Ich glaube an die Sünde, weil ich lieber wertlos als sündlos bin, denn wer wertlos ist, kann sich auch niemals selbst verkaufen.