Landei auf der Suche … nach Vertrauen
Landei auf der Suche … nach Vertrauen
Persönlicher Blogeintrag von Caroline

Mein Papa ist Fliesenleger, meine Mama ist gelernte Industriekauffrau, mein Onkel ist Landwirt, meine Tante gibt Hauswirtschaftsunterricht an einer Berufsschule. Meine Cousinen, mein Cousin und mein Bruder machen eine Ausbildung in verschiedenen Bereichen bzw. haben diese schon abgeschlossen. Lediglich eine Cousine hat auch studiert – Agrarwissenschaften. Ich mag meine Familie so wie sie ist. Aber von der Welt der Universität habe sie absolut keine Ahnung. Oft beneide ich meine Freundinnen, die aus Akademiker-Haushalten kommen oder gar Theologin in x-ter Generation sind. Wenn sie nach Hause kommen, können sie über ihre Hausarbeiten reden, ihre Eltern können diese Korrektur lesen. Sie reden über Seminare und Profs., die schon früher gelehrt haben und die Bestuhlung der Vorlesungssäle, die sich leider nicht geändert hat, seitdem die Elterngeneration die Alma Mater verlassen hat.

Für mein Dorfkind-Sein hab ich mich nie geschämt. Im Gegenteil: Ich bin immer schon sehr stolz auf meine Wurzeln gewesen. Aber in der Welt der Universität musste ich mich anders behaupten. Zu wissen welche Trecker Marke im Ort gerade angesagt ist und gut tanzen zu können waren keine gefragten Qualitäten mehr. Fix Hebräisch-Vokabeln lernen, griechische Stammformen pauken, Seminare vor- und nachbereiten, möglichst viele kluge Dinge sagen und ganz nebenbei sich in einer neuen Stadt zurecht finden und Freund*innen finden. Puh. In Göttingen hab ich immer versucht kein dummes Landei zu sein – und versuche es noch.

Und wenn ich zu Hause bin, versuche ich so wenig wie möglich Klischees zu bestätigen. Zum Beispiel, dass sich Studierende immer gewählt ausdrücken. Leider bemerke ich bei mir selbst, dass meine Sprech-Sprache immer verschachtelter wird… Und wenn ich zu Hause bin, möchte ich natürlich auch erzählen, was in Göttingen so passiert, was mir wichtig ist. Und weil z.B. meine Omas sehr interessiert was so aktuell ist, lassen sie mich auch erzählen. Aber sie verstehen einfach nicht was Grund- und Hauptstudium unterscheidet, warum man mehr als 10 Monate fürs Examen lernen muss und was eigentlich diese Credits sind oder was Regelstudienzeit bedeutet. Und weil dieses Studiensystem von außen betrachtet undurchdringlich erscheint und weil ich will, dass meine Familie stolz und zufrieden ist, erzähle ich natürlich gern von meinen Studienerfolgen: Bestandene Prüfungen, coole Seminare, Lob vom Chef. Und eher ungern bzw. nicht erzähle ich von verschobenen Fristen, fehlgeschlagenen Prüfungen und dem Stress, dem ich mich ausgesetzt fühle. Umso schwieriger war es dann neulich, als ich beschlossen habe meine Meldung zum ersten theologischen Examen um ein Semester zu verschieben. Damit bin ich zwar immer noch innerhalb dieser ominösen Regelstudienzeit, aber ich weiche von dem Plan an, den ich voller Stolz meiner Familie mitgeteilt habe. Alle fragen immer: Wie lange dauert es denn noch? Und dann hab ich gesagt: Nächsten Sommer bin ich fertig. Und dann…. musste ich einige Zeit später sagen: Leute, ich hab mir das nochmal anders überlegt… Natürlich hat niemand gesagt: Oh Nein, Caroline! Wir sind so enttäuscht! Im Gegenteil – alle waren verständnisvoll bzw. eigentlich war es glaub ich sogar egal. Ach Kind, ein Semester mehr oder weniger. … Aber ich bin ehrlich gesagt einfach enttäuscht von mir selbst gewesen. Weil ich den Plan – den tollen Plan in meinem Kopf – nicht durchgezogen hab…

Dann gab es diesen Sommerregen. Wir waren spazieren. Der Regen trommelte auf meine Kapuze. Es war mega laut. Aber dann stand ich da und dachte, wie egal es doch ist, wenn ich meinen Studienplan umwerfen muss. Der, der uns diesen lauten Sommerregen schenkt, der hat schon einen Plan. Und wer bin ich, vermessen zu denken, auf meinen Plan bestehen zu müssen. Und in dem Vertrauen, dass es einen neuen Plan geben wird, konnte ich den Regen und den Spaziergang genießen.