Landei auf der Suche nach … Keksen
Persönlicher Blogeintrag von Caroline

Neulich war ich wieder zur Kirchenöffnung in der Unikirche St. Nikolai eingeteilt. Die Kirche ist seit 1822 der Uni zugeordnet und zurzeit samstags geöffnet. Von Studierenden wird die Kirche in der Öffnungszeit gehütet. Wir sind Ansprechpartnerinnen für Tourist*innen, wissen ein bisschen über die Geschichte und Nutzung des Gebäudes und sind einfach da, während Menschen kommen. Sie kommen zum Gucken, Fotografieren, Hören und Reden.

Letzten Samstag saß ich auf meinem Platz im vorderen Drittel der Kirche und habe gelesen, während oben ein Organist für ein Konzert probte. Wahrscheinlich von der Musik gelockt, kommt ein Mädchen aus dem gegenüberliegenden Café in die Kirche. Rote Cordhose, grüner Pulli, lange, dünne, braune Haare. Guckt erst vorsichtig, tritt ein und sagt zu mir: „Was machst du da?“ – „Lesen.“ Hm. Damit hatte sie wohl nicht so richtig gerechnet. Sie legt den Kopf schräg und lächelt verlegen. Zahnlücken kommen zum Vorschein. Vielleicht ist sie sechs Jahre alt, denke ich. Vielleicht sitzen ihre Eltern drüben im Café und ihr ist langweilig.
Ohne einen Ton zu sagen, geht sie flotten Schrittes nach vorne, guckt sich den Jesus am Kreuz an, springt hoch, versucht ihn zu berühren, schafft es aber nicht. Sie guckt überall hin: Hinter das Kreuz, auf den Altar, widmet sich lange den brennenden Kerzen, dann die Türklinke zur Sakristei. Setzt sich kurz in die zweite Bank. Dann kommt sie wieder und fragt wieder unvermittelt: „Betest du hier?“ Huch – was kommt denn jetzt? Ich sage: „Manchmal.“ Innerlich ploppen bei mir verschiedene Aufsätze und Artikel auf, die ich zu Kindertheologie oder theologisieren mit Kindern gelesen hab, und an die ich mich jetzt so gern näher erinnern würde. Aufregung. Aber die Kleine ist schon in einem anderen Thema. Sie zeigt auf die Treppe und fragt, wohin sie führt. Zur Orgel, sage ich, sie darf gern mal hoch gucken – da kommt doch die Musik her. Sie rennt hoch und kommt nach einigen Momenten wieder. „Wie lange bleibst du hier?“ Wieder anderes Thema. „Bis 3 Uhr. Also noch 1 Stunde und 30 Minuten.“ – Sie lächelt breit und sagt: „Dann können wir ja reden.“ Dann schleift sie einen der Stühle aus der letzten Reihe zu meinem und klettert drauf. Da sitzen wir also. Wir reden kurz darüber wie viele Sekunde eine Minute hat, wie viele Minuten eine Stunde. Dann wie die Wochentage und Monate aufeinander folgen. Ich fragte Kleinigkeiten ab und sie erzählt ausführlich. Über ihre Eltern, den großen Bruder (alle drei sitzen mit eine befreundeten Ehepaar drüben im Café). Sie sagt, dass doch eigentlich in Kirchen immer alte Männer vorne stehen und beten. Ich sage, dass das manchmal so sei– sonntags ist das häufiger so. Und da stehen ja nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Und manchmal machen ja auch Kinder im Gottesdienst mit. Ach ja, stimmt, das hat sie ja im Einschulungsgottesdienst erlebt. Mittlerweile sitzen wir schon fast eine dreiviertel Stunde so zusammen, Besucher*innen kommen und gehen und freuen sich sichtlich, dass wir uns so gut unterhalten. Auch der Papa kommt einmal aus dem Café herüber, um nach ihr zu schauen. Sie geht in die zweite Klasse, der Unterricht ist auf Englisch und neulich ist ihr in der Sachkunde Stunde der erste Zahn rausgefallen – weil sie gewackelt hat. Insgesamt habe sie nun schon sieben Zähne verloren – nun versucht sie sich an alle sieben Geschenke der Zahnfee zu erinnern, als ein anderer Mann die Kirche betritt. Sie unterbricht ihre Aufzählung und fragt: „Betest du hier?“ Der Mann lächelt, kniet sich zu ihr hin und sagt: „Ich bete ganz oft. Es gibt so einen Satz ´Beten ist leben´ und nach dem versuche ich zu leben.“ Sie guckt unverständlich. Und er erklärt ihr, dass für ihn beispielsweise im Garten arbeiten beten ist oder wenn er mit seinem kleinen Sohn spielt oder wenn er Blumen kauft. Meine neue Freundin ist sichtlich unzufrieden. Sie steht auf und sagt: „Aber beten geht doch so!“ – sie kniet sich hin und legt beide Handinnenflächen vor ihrer Nase zusammen und schließt kurz die Augen. Der Mann schmunzelt. Ja, das sei auch eine Methode zu beten. Er mache das auch manchmal so. Manchmal lege er sich sogar auf den Rücken. Es scheint dem Mädchen einzuleuchten, dass es mehrere Wege gibt zu beten, denn sie sagt: „Mit dir gerade zu reden, ist also auch wie beten.“ Ich unterdrücke eine Tränchen und der Mann sagt: „Ja, mit dir reden ist ein wunderbares Beten.“ Wir lächeln uns an und dann wendet sie sich wieder dem Kunstwerk aus Reiszwecken und Strohhalmen zu, das sie schon vorher angefangen hatte zu basteln. Der Mann bedankt sich bei mir für die Kirchenöffnung und geht. Ich bin noch sehr sprachlos. So sitzen wir einige Momente da und schweigen. Der Kleinen ist noch ein Geschenk von der Zahnfee eingefallen: Eine CD von den drei ???. Ob ich die kenne. – Ja, natürlich. Dann kommt eine Frau rein, die ich gleich als ihre Mutter identifiziere. „Emilia, komm! Wir wollen gehen.“ Sie springt auf, schnappt sich die Strohhalme und rennt die wenigen Schritte bis zur Tür, wo die Mama wartet. Sie greift ihre Hand und sagt dann zu mir: „Mit dir war beten auch voll schön, Caroline!“ Zu ihrer Mutter sagt sie: „Weißt du man muss sich gar nicht hinknien zum Beten. Reden kann auch beten sein. Und spielen auch.“ Die Mama guckt mich leicht verwirrt an, aber ich kann zum Abschied nur lächeln.

Und dann steh ich da … sortiere die Reiszwecken wieder zurück in die Pinnwand … und merke erst jetzt, dass das ja auch beten ist.

Von der Empore kommt immer noch Orgel Musik, in der verbleibenden Zeit der Kirchenöffnung kommen nur noch wenige Menschen und als ich nach Hause gehe, muss ich immer und immer wieder jede einzelne Sequenz dieser Begegnung durch spielen. Und denke immer wieder, wie schade es war, dass ich keine Kekse dabei hatte.