Landei auf der Suche nach… Halt.
Landei auf der Suche nach… Halt.
Persönlicher Blogeintrag von Caroline

„Hast du schon gehört? M. ist gestorben. Einfach umgefallen. Montag.“

Ich sitze im Seminar, wollte eigentlich nur die Uhrzeit checken, als ich das Pop-Up Fenster von WhatsApp gesehen und die Nachricht gelesen habe. Alles um mich rum dreht sich. Die Referentin, der Kurs, das Seminar, meine Notizen auf dem Laptop – alles kilometerweitweg. Mein Kopf fährt Karussell, mein Bauch schließt sich an.

Eine gute Freundin aus der Heimat wollte uns über den WhatsApp-Gruppenchat informieren. Im Chat sind wir zu dritt. Wir kennen uns seit Kindertagen, haben zusammen Abi gemacht und sind zwecks Studium in jeweils unterschiedliche Himmelsrichtungen gezogen. Wir sehen uns regelmäßig, stehen nahezu täglich in Kontakt. Teilen guten Noten, Liebeskummer und – Todesnachrichten.

Da sitze ich im Seminar und kann es nicht fassen.

Die Verstorbene kommt aus einem Nachbardorf meiner Heimat. Jünger als wir. Anfang 20. Eigentlich kenne ich sie nicht. Aber wir gingen auf das selbe Gymnasium, sind jahrelang im selben Schulbus gefahren, haben uns auf Dorffesten oder so getroffen, hier und da vielleicht kurz unbedeutende Sätze gewechselt, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Aber meine Freundin, die die WhatsApp-Nachricht geschickt hat, kennt sie. Sie haben Kindertage miteinander verbracht, gemeinsam getanzt und die Familien sind befreundet. Vielleicht geht es mich deswegen so an? Weil meine gute Freundin so betroffen ist? Ja, wahrscheinlich. Aber auch, weil Tod erbarmungslos ist. Wenn ein Mensch stirbt, ist es grauenvoll. Und wenn ein junger Mensch stirbt, so ohne Vorwahrung, ohne Gelegenheit Auf Wiedersehn zu sagen, dann ist es nochmal schlimmer. Zumindest kommt es mir so vor.

Was tun?

Immer noch im Seminar: Ich bete. Ganz kurz. Für die Verstorbene. Für ihre Familie und Angehörige. Für meine Freundin, die gerade die Welt nicht mehr versteht. Sei bei ihnen, Gott. Schenke Trost und Kraft.
Später zu Hause: Ratlosigkeit. War das dein Plan, Gott? Wie kann das sein?

Meine Freundin sagt, dass bei einem Todesfall alles andere unwichtig und klein erscheint. Die Bachelorarbeit sei nicht so wichtig, wenn am andern Ende des Dorfes eine Familie um Tochter, Enkelin und Schwester trauert. Ich sage, sie soll nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ja, Tod ist schrecklich. Aber auch ihre und deine Probleme sind ernst zu nehmen und wichtig.
Ich sage ihr, sie soll nicht Äpfel mit Birnen vergleichen – und tue es doch selbst.
Ich denke: Tod ist verhältnislos. Tod hat kein aber.
Oder?

Und ich frage mich, warum mir Ostern gerade so weit weg vorkommt, wo wir es doch jetzt so brauchen?
Tod hat ein Aber. Aber Auferstehung.

Machen wir uns nichts vor. Es ist scheiße, dass sie so jung gestorben es ist. Es ist ungerecht und unerklärlich warum. Und vermutlich tröstet es nicht so richtig gut, aber mich erdet es gerade und zieht mich aus der Trauer raus: Tot ist verhältnislos, aber er ist nicht das Ende.