Landei auf der Suche nach … bunten Blättern und blauem Himmel
Persönlicher Blogeintrag von Caroline

In den letzten 10 Monaten ist viel passiert. 10 Monate hab ich viel von dem was in der Welt, in meinem näheren Bezugsfeld oder in der Uni passiert ist, hier in Texten verarbeitet. Neben diesem Blog hat mich aber auch etwas anderes dieses Jahr begleitet, an das ich mich noch nicht heran geraut hab, weil ich nicht wusste, wie.

Jemand, der mir sehr, sehr nah steht hatte in den letzten 14 Monaten zwei Mal einen Tumor in der Brust. Zack. Lasst das mal kurz wirken.
Sie ist mittendrin in allem: Studium, Beziehung, Freund*innen treffe, lernen, Familie hin und wieder besuchen, Fahrrad fahren, Musik machen, backen – alles was sie tut, tut sie mit viel Engagement, ist immer da, wenn jemand Hilfe braucht und ist wohl das was man „schwerst mehrfach engagiert“ nennt.

Sommer 2016. Beim Abtasten fühlt sie in der Brust, dass da was ist, was nicht sein sollte. Erster Arztbesuch. Der gibt keine Entwarnung, sagt aber, dass bei so jungen Frauen ein bösartiger Tumor unwahrscheinlich ist. Sie soll in ein paar Wochen zur Kontrolle wieder kommen. Und dann: der Tumor ist gewachsen. Schiette. Ab ins Klinikum. OP. Bestrahlung. 3 Monate. Sie macht scheinbar dicht. Niemand kommt mehr an sie ran. Sie will da alleine durch. Ihre Freund*innen dürfen sie nicht zu den Arztterminen begleiten. Noch nicht mal ihre Freundin, nicht ihre Mutter, nicht ihr bester Freund und Mitbewohner. Sie versucht immer gut gelaunt zu sein, wenn sie unter Leuten ist. Und zu Hause? Sie gibt zu, dass es schwer ist. Dass sie weint. Dass sie sich zurück geworfen fühlt. Aber das es so gehen muss, wie es geht. Ihren Tumor nennt sie „den Süßen“. Um den muss sie sich jetzt kümmern. Denn kümmern kann sie gut. Sie ist unfassbar stark. Sie will so wenig wie möglich Uni verpassen. Schleppt sich hin. Arbeitet so gut es geht mit. Dann ist die Bestrahlung vorbei. Sie blüht richtig auf. Der Frühling 2017 und ihr neues Lächeln machen unsere Göttinger Welt wieder farbenfroher.

Drei Monate vergehen. Durchatmen.
Dann: Kontrolltermin – Neuer Tumor. Zack. Alle sind allarmiert. Der Tumor ist so groß wie ein Kirschkern. Immerhin. Und wieder: Ab ins Klinikum. OP. Und: Entwarnung. Der Tumor war nicht bösartig. Ihre Ärztin kann nicht erklären woher der kleine Bruder von dem Süßen kam. Aber jetzt ist er weg. Durchatmen. Ein neuer Bestrahlungszyklus beginnt. Aber: Diesmal dürfen Freund*innen mit. Wir gehen zusammen zu Arzt-Gesprächen, zu Kontrollterminen und hängen danach noch zusammen rum. Was hast du gemacht, als du letzten Winter immer allein zu diesen Terminen musstest? fragt eine Freundin mal, als wir gemütlich auf dem Sofa sitzen und Cola trinken. Sie lächelt und sagt: Gebetet. Leise gesungen. Im Kopf Bilder gemalt. Sie hätte eine so intensive Zeit mit Gott gehabt während der Bestrahlung. Und was hast du gesungen? will die Freundin wissen, während ich mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel streiche. Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf. Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf singt sie.

Oktober 2017. Es ist Herbst in Göttingen. Unser kleiner Kreis von engsten Freund*innen – den wir übrigens Wa(h)lfamilie nennen – hat Zuwachs bekommen: Ein kleiner Hund läuft nun durch unsere Leben. Die bunten Blätter fallen von den Bäumen und wenn wir gemeinsam spazieren gehen, raschelt das Laub unter unseren Füßen. Die Luft ist klar. Der Himmel satt blau. Nichts Neues vom Süßen oder kleinen Geschwistern. Super! Durchatmen. Entspannen. Mit dem Hund toben – er ist jetzt viel süßer als irgendwas anderes zuvor. Um ihn kümmern wir uns jetzt.
Und erst nach und nach kommt bei mir an, was sie durchgestanden hat in den letzten Monaten. Langsam kann sie auch mit der Walfamilie drüber reden. Der Hund springt durch die Gegend und sie erzählt von Ängsten und dunklen Momenten. Aber auch von der super Krankenschwester, einem flirtenden Assistenzarzt und ihrer Ärztin, die sie so wunderbar betreut hat. Meine Oma würde sagen: Tapferes Mädchen. Und sie würde Recht haben. Es kommt, wie es kommt. Und der Himmel geht über allen auf.