Einfach mal die Fresse halten
Einfach mal die Fresse halten
Persönlicher Blogeintrag von MK

Ich habe in meinem Leben ca. fünfmal ernsthaft Schläge angedroht bekommen. Einmal, weil ich die Polizei bei meinem Nachbarn habe klingeln lassen, weil er um 4 Uhr nachts irgendwelche Morddrohungen ins Telefon gebrüllt hat und viermal oder so, weil ich ohne Punkt und Komma geredet habe. Man erlebt noch mal ganz andere Dimensionen von Rezeptionsästhetik, wenn alles, was man sagt, von einem zwei Meter großen Betrunkenen von der Dorffeuerwehr auf die Goldwaage gelegt wird.

Die Selbstzensur um der eigenen Kauleiste willen ist für keine Form des gesellschaftlichen Diskurses nachhaltig oder zielführend. Gleichwohl gibt es Situationen, in denen ein Augenblick Stille das einzig Richtige ist – zwischen einzelnen Wörtern zum Beispiel. So verhindert man, dass aus einem mittelalten Gouda ein Mittelaltergouda wird. Zwischen einzelnen Wörtern einfach mal die Fresse halten. Gibt einem auch die Möglichkeit, über das letzte Wort ein wenig nachzudenken, je nachdem wie viel Spannung der Gesprächspartner aushält. Das eignet sich auch nur bedingt beim Mörtel des Satzgefüges wie Präpositionen o. ä. Aber: Mörtel wäre eigentlich die perfekte Lösung um das Wortpaar „Mörser und Stößel“ auf zwei Silben wegzurationalisieren – man sieht Chancen und Grenzen meiner Idee. Punkt ist, dass Sprachachtsamkeit sich gefühlt in dieser Zeit auf besonders zwei Dinge beschränkt: ob ich die neueste, vorletzte Woche an einer mir unbekannten Uni entworfene geschlechtergerechte Pluralform benutze oder lieber meinem tiefgründigen patriarchalen Hass auf alle non-binary Menschen freien Lauf lasse zum einen, zum anderen die beinah monastisch genaue Observanz der Kasusflexion bei Präpositionen, als ob es irgendjemandes interessierte, welchem Fall er mit den Wort „wegen“ benutzt.

Dabei ist eigentlich der herablassende, scheinbar gut gemeinte Hinweis auf umgangssprachliche Grammatik der krasse Verstoß gegen die Sprachetikette: Wir reden nicht über Grammatik, wir reden aufgrund von Grammatik. Grammatik ist wie ein guter Schiedsrichter, immer da, selten bemerkt. Und wer meint, er müsse jenseits echter Sprachnachhilfe dem Schiri reingrätschen, der sagt eigentlich nur, dass er sich für das, was das Gegenüber zu sagen hat, nicht interessiert.

Die Grammatik religiöser Sprache ist die Theologie: Solange nicht danach gefragt wird, steht sie im Hintergrund und wird – idealerweise – nicht zum Thema. Und es ist ein Verstoß gegen die religiöse Sprache, wenn ich ungefragt Grammatik erzähle, oder die Grammatik ungefragt austausche. Höchstens mal einen Fall.

Luthers 95 Thesen und sein Neues Testament vier Jahre später haben deswegen so eingeschlagen, weil sie einerseits der christlichen Sprache der Zeit eine überarbeitete Grammatik geschenkt haben, andererseits die Kirche darauf hingewiesen hat, dass sie den Leuten die ganze Zeit nur Grammatikunterricht, aber keine Sprachübung biete.

Ich liebe Grammatik (Grammatiktick). Aber ich hoffe, dass wir uns 2017 wieder auf Sprache besinnen, statt an Universitäten nur Grammatik zu betreiben und in den Kirchen die theologische Sprache mit einer politischen Grammatik zu unterfüttern. Ich wünsche mir, dass wir von Gott reden. Religiös reden. Gern auch über Religion reden. Dazu darf man sich aber nicht nur hinter Spekulationen über Gott verstecken. Es gilt vielmehr, den anderen zu Wort kommen zu lassen. Dazu muss man still sein, vielleicht nach jedem Wort. Gott hat nämlich viel mehr zu sagen, als wir zu reden haben. Und in diesem Sinne gehe ich nun mit gutem Beispiel voran, und halte einfach mal die Fresse.