Ein offener Brief an das protestantische Schriftprinzip
Ein offener Brief an das protestantische Schriftprinzip
Persönlicher Blogeintrag von MK

Liebes protestantisches Schriftprinzip.

Seit 300 Jahren ist unsere Beziehung ein wenig kaputt. Und die meiste Zeit legen wir Dir das zur Last. Ist schließlich „die Krise des protestantischen Schriftprinzips“, nicht „die Krise des Protestantismus“ oder „der Protestanten“, oder so.

„Sola scriptura“ lautete unser Eheversprechen an Dich – und dann haben wir von Dir verlangt, die Bibel zum Gotteswort zu machen. Wär nicht die erste Beziehung, die an zu hohen Ansprüchen scheitert. Und besonders treu waren wir die letzte Zeit auch nicht – da gab’s so viel zu entdecken: den Religionsbegriff, den historischen Jesus, die Philosophie. Und irgendwie ist uns lesen sowieso zu anstrengend geworden. Gerade mal ein Viertel von uns nimmt regelmäßig Bücher in die Hand – und wenn man‘s schon mal tut, warum dann gerade die Bibel? Ohne Schrift muss man sich auch kein Schriftprinzip ausdenken.

Und dann kommen wir doch wieder zu Dir angekrochen. Wenn die Welt wieder zu schnell für uns ist. Und dann wollen wir Dich auf einmal zurück, um den anderen zu sagen, wie scheiße sie eigentlich sind. Ist natürlich viel angenehmer, wenn Du das für uns machst – Christen machen sowas natürlich nicht, wegen der Nächstenliebe und so. Gott hat euch natürlich trotzdem lieb, auch wenn ihr scheiße seid. Jetzt dürfen neuerdings endlich – und ich zitiere – „zwei Mumus oder zwei Pipimänner“ ehelich zusammenkommen und auf einmal erhebt sich ein Sturm anonymer Exegeten. Jetzt brauchen wir Dich, sola scriptura, um uns hinter Dir zu verstecken, wenn wir sagen wollen, dass wir‘s eigentlich ekelig finden, wenn da Liebe anders funktioniert als wir das kennen. Als wär‘s Kartoffelsalat. Steht ja schließlich auch in Levt…Leb…Leph…3. Mose Vers 22: „Und mit einem Mann sollst du nicht schlafen, wie man mit einer Frau schläft.“ – Mal im Ernst: Eine größere Allerweltsweisheit ist mir noch nicht untergekommen; natürlich soll man das nicht genau gleich machen, das erfordert doch ganz unterschiedliche Techniken! Aber lassen wir das.

Wo immer diese ganzen Bibelleser herkommen, wenn es darum geht, den anderen zu sagen, dass Gott sie scheiße findet, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hab ich ja unrecht, und die Leute sind Dir Schriftprinzip alleine treu geblieben und man muss die Bibel so als Gottes Wort verstehen. Aber nicht nur werde ich dann von denen verlangen, mit ähnlichem Eifer gegen medium-rare Steak (Apg 15,20) und Pullis die nur zu 80% aus Baumwolle sind (Lev 19,19) vorzugehen, sondern ich werde mit Fug und Recht behaupten dürfen, dass der Heilige Geist der schlechteste Literat aller Zeiten ist. Und das sage ich im Wissen um die Lyrik von Friederike Kempner.

Ja, liebes Schriftprinzip, ich habe langsam den Verdacht, DU bist gar nicht in der Krise. In der Krise scheinen viel mehr wir zu sein, weil wir einfach keine Lust haben, uns mal ernsthaft mit Dir in eine Paartherapie zu begeben. Vermutlich, weil wir uns da mal selbst mit uns auseinandersetzen müssten. Fürchterlich.

Vermutlich – vielleicht ist das auch ein deutsches Ding – sehnen wir uns so sehr nach einem Regelbuch für „das Leben“, dass wir blind geworden sind für alles Leben, das die Bibel überhaupt erst erschließt. Eine Existenzanleitung statt einer Essenzbeschreibung. Ziemlich blöd von uns. Überhaupt würde sich der dicke Mönch, der uns mal mit Dir verkuppelt hat, sich im Grabe umdrehen, wenn er unsere Fixierung auf vermeintliche biblische Lebensregeln sähe. Überhaupt: Wieso versuchen wir dem Leben eigentlich mit einem Kandidaten auf den Titel „langweiligstes Buch der Bibel“ (#Leviticus #sorrynotsorry) beizukommen?

Liebes Schriftprinzip, vielleicht kannst Du noch mal über Deinen Schatten springen und uns sagen, dass wir uns zusammenreißen sollen. Vielleicht lesen wir mal Psalm 29. Oder 93 (#Bultmann #Enthmythologisierung #DEINEMUTTER). Und fragen uns dann, ob die Ewigkeit sich in ihrem Kampf gegen das Chaos und für das Leben sich vielleicht weniger drum kümmert, welche Körperöffnung oder Geschlechter für den menschlichen Kampf gegen das Chaos und für das Leben zusammenkommen, als mit welchem Herzen sie das tun. Hermeneutik und so.

 

Beste Grüße,

MK